06 - Alle Vier und die Leuchterschlange !

Mai 13th, 2006 by St.Kleinkrieg

Die Mutter aller Karteien

Die Kartei der Ehemaligen und Veteranen! Teil 6


Alle Vier und die Leuchterschlange !

Wir waren die ganze Woche vor dem 24.04 jeden Abend im Proberaum gewesen und hatten unser Programm von allen erdenklichen Seiten beleuchtet und ausgefeilt.

Nervös waren wir, Nervös!

Ich habe mir den Kopf zermatert, aber ich weiß nicht mehr, wie wir unsere Anlage in die Aula der Kaufmannsschule befördert haben. Sollte uns hierbei jemand geholfen haben, und ich kann mich jetzt nicht mal mehr daran erinnern, so tut mir das aufrichtig leid. Es war einer der wichtigsten Hilfsdienste unserer ganzen Laufbahn, denn wenn der Gig abgesagt worden wäre, weil wir unser Zeug nicht hätten anliefern können, ich glaube, dann wäre aus der ganzen Sache nichts geworden. Keiner von uns hätte den verschobenen Start der Raumfähre überlebt:

(„Todesursache – Lampenfieber. Nein, schreiben Sie, Suchscheinwerferfieber. So, wie ich es noch niemals erlebt habe ! Die armen Jungens, mein Gott!“
Professor Trinkmann nach der Untersuchung der Extrabreit Leichen)

Jango EdwardsDie Band des Clowns Jango Edwards, die Friends Roadshow Band, hatte eigentlich den ganzen Platz der Bühne in Anspruch genommen, und da die Show der Holländer ja um die Performence ihres Chefs Jango gebaut war, stand natürlich unglaublich viel Gelumpe auf der Bühne herum. Der Manager der Niederländer fand es auch gar nicht so toll, dass eine lokale Haudrauftruppe angerückt war, um ihr Debut vor seinen Schützlingen abzuziehen.
Zumal diese vor dem Hagener Publikum Nummern probierten, die sie dann bei einem wichtigen Festival in Hamburg als Premiere vortragen wollten. Sozusagen eine Generalprobe. Oder Putzfrauentest, wenn man so will. Er musterte uns mit unverhohlenem Mißfallen und war in keiner Weise behilflich.

Jörg Hoppe hatte auch alles andere im Kopf, als sich jetzt um Extrabreit zu kümmern. Der Zeitungsartikel in der Westfälischen Rundschau hatte seine Wirkung gezeigt, und die beiden Tage waren restlos ausverkauft.

Die Mutter aller Karteien

Da standen wir also mit unseren Liedern und dem Wunsch, dass das Publikum uns auf Händen tragen, die Zeitungen anderntags Lobeshymnen auf uns ausbringen und Rainer auf die Bezahlung der Deckel der vergangenen Monate verzichten würde. Zuneigung und Bewunderung wäre natürlich auch auf zwischenmenschlicher Ebene willkommen gewesen.

Wir würden alles nehmen und nichts wieder hergeben.

„Ihr könnt euch meinjetwegen hier vor die Paravannen von die Jango aufbauen. Nix anfasse, hä oder wegstelle, das wir uns da klahr versteheen, Leuden !“ – dieser Zwischenwirt von Manager, in der Hollandsprache, die sich immer so anhört als wäre man total besoffen.

Jetzt ging es los, wir hatten ungefähr 1,20 Meter Platz bis zum Bühnenrand. Tolle Wurst!

Monitore gab es für uns nicht. Was aber nicht schlimm war, weil außer Rava keiner wußte was das ist. Gemischt aus dem Saal heraus wurde unsere Darbietung auch nicht. Horst-Werner bekam einen Kanal in der Gesangsanlage zugewiesen, er hatte ein eigenes Mikrophon und mitsingen tat von uns keiner. Seine Lautstärke wurde der Band angeglichen und wir ließen mal ein Lied los, um so auszuprobieren wie sich das auf einer Bühne anfühlt.

Wir waren B_E_G_E_I_S_T_E_R_T ! !

3 von vierenSeid ihr noch ganz dicht, Männer! Das hält ja kein Schwein aus. Das ist ja das Grauen. Ne, so geht das aber nicht! Herr Hoppe, hör`n Sie mal, wenn das jetzt schon so anfängt …..Das geht nicht …hab ich ja noch nie erlebt….. nich` hier, un`nich`mit mir!

Der Hausmeister war aufgetaut und aufgetaucht und setzte den armen Hoppe unter Dauerfeuer in dem Outfit, in dem sein Berufsstand Leuten seit Jahrtausenden das Leben schwer macht. Grauer Kittel und Cordhut, unter dem die Bluthochdruckkapsel Kopf, zu platzen drohte.

„Er schreit und tobt und zetert, holt die Polizei….....!“
Das hätte auch auf ihn gepaßt

Wir standen immer noch auf der Bühne herum und grinsten von einem Ohr zum anderen.

Das war`s ! Das war Super !

Lampenfieber hin oder her. Das knallte so in den Saal rein, dass man so eine Gänsehaut kriegten konnte, dass einem das Hemd nicht mehr paßte.

„Das ist ja ein Abbruchunternehmen, Herr Hoppe! Das können Sie nicht machen! Das sollte doch eine Kulturveranstaltung sein !“ Das ging noch eine ganze Zeit so weiter und Jörg kam völlig entnervt zu uns und sagte:

„Macht das sofort leiser, ich beschwöre euch, sonst können wir die Nummer hier vergessen. Der Herr Hausmeister ist auf 180, ich weiß nicht wie ich den jetzt beruhigen soll, ja? Also leiser, oder gar nicht das könnt ihr euch jetzt aussuchen!“

Das stimmte. Der Mann schrammte an einer soliden Herzattacke um Haaresbreite vorbei. Eine Salzstange hätte ihn jetzt um sein Leben gebracht.

„Ich würde mich auch besser hören, wenn`s nicht gar so laut wär`.“ meldete Horsti seine Wünsche an. Auf Rava wirkte das nur wie Verständnis für den Feind und wurde unflätig kommentiert. Oder so.

Er hatte einen 200 Watt Hiwatt Verstärker und 2 Eliminator Boxen in Stellung gebracht, um mit einem alten Höfner Bass den Hagenern aufzuspielen. Ich hatte eine 100 Watt Marshall Anlage und ein Hoyer Les Paul Kopie. Der Käptn (ab jetzt mit K) spielte sein „Schwarzes Schlagzeug“. Um die Schießbude hatten wir die sogenannte „Leuchterschlange“ drapiert. Niemals sagten wir Lichterschlange oder Lichterkette oder Leuchtschlange. Es war die „Leuchterschlange.“

(Das Wort Lichterkette gab es `79 noch gar nicht und sollte sich auch in einem anderen Zusammenhang dem deutschen Wortschatz beifügen.)

Ich hatte dieses Meisterstück koreanischer Unterhaltungselektronik aus dem Kaufhof, in dem ich nach meiner Bundeswehrentlassung wieder arbeitete.

Ein Kleinod! Wie ich sie vermisse, die Leuchterschlange !

Eine schäbige Kopie unserer LeuchterschlangeSie war ein weißer Plastikschlauch, in dem verschiedenfarbige Lämpchen aufgereiht waren, die durch ein Steuergerät an und aus geschaltet wurden, so dass es aussah, als würde das bunte Licht in dem Schlauch hin und her laufen. Die Laufgeschwindigkeit war über ein Potentiometer am Steuergerät stufenlos regelbar. Der futuristische Effekt zeigte sich am deutlichsten bei absoluter Dunkelheit.

So war auch der Anfang unserer Show geplant. Dunkelheit, die Leuchterschlange läuft los und wir dann mit der ersten Nummer, volles Rohr ins Mittelohr. Opener war, der mit dem Bandnamen betitelte Burner „Extrabreit.“

Später hatte jede Frittenranch so einen Schlauch im Fenster und heute würde man damit keinerlei Eindruck mehr machen. Die Leute würden einen wahrscheinlich bedauern, für verrückt erklären und mit Steinen bewerfen.

Aber `79 sah das Spitze aus!

ECHTZEIT

Ich habe gerade mal eine kleine Pause eingelegt und mit dem Käptn telefoniert. Er konnte sich noch daran erinnern, wie wir die Anlage aus der Färberstraße in die Kaufmannsschule gekriegt haben: Fisch Fischer war`s, mit einem Anhänger seines Vaters. Ihm gebührt größte Ehre und mir die Schaffnermütze des Tages, weil ich es vergessen hatte. Einzige Ausrede, 30 Jahre – Kinder, fast 30 Jahre

Da ich gerade beim Korrigieren bin, Dr. Thomas Brune hat mich darauf hingewiesen, dass wir uns unabhängig von Rava auch schon kannten und ich ihm noch vor Horst Werners Einstieg in die Band „Bus Baby“ vorgespielt hätte. Lieber Thomas, du bist der Arzt – ich glaube dir alles!

Die Mutter aller Karteien

Der „Soundcheck“ war zuende und durch das Telefonat mit dem Käptn weiß ich jetzt, dass der Keyboarder der Roadshowband Punkfan war und uns gut fand. Er spielte auf einem tragbaren Cassettengerät die ganze Zeit Punkmusik unbekannter Herkunft. Der Käptn war richtig glücklich. Ich weiß noch, dass ich ein bißchen plan- und ziellos durch die Gegend gelaufen bin. Wir konnten uns in unserer nervösen Zitteraalverfassung gegenseitig nicht ertragen und hatten uns auf eine Zeit hinter der Bühne verabredet.

Wie sich das alles anhörte:
“ Wir treffen uns dann vor der Show hinter der Bühne.“ –
Voll Bedient!

18:30 Uhr

Ja Leute, wir waren am Ziel!
Am Ziel?

Nicht ganz. Das Publikum, das jetzt in die Kaufmannsschule hereinströmte, hatten wir bei der ganzen Aufregung völlig vergessen. Die waren nicht wegen uns gekommen!

Die hätten uns niemals in ihrem Auto zu einem Arzt gefahren, auch wenn wir einen komplizierten Trümmerbruch des Beines und die Schädeldecke wie der Deckel eines Bierkrugs runterhängen gehabt hätten.

Die wollten den Clown NUR DEN CLOWN – Sonst Nichts!

Die Aula der Kaufmannsschule ist bestuhlt wie ein Kino, und so ließen sich die Lehrer und Sozialarbeiter, Kunsthandwerker, Kindergärtner und Kindergärtnerinnen in Vorfreude auf einen lustigen Abend mit dem total bedienten Jango in die Polster gleiten und guckten ein wenig irritiert auf die Bassburg und die Marshall Gitarrenanlage, die wegen des Platzmangels auf der Bühne bedrohlich nahe und laut aussahen.

In ihren Händen hielten die zukünftigen Eltern von Torben und Dennis ein Flugblatt. Heute würde man Flyer sagen. Es wurde am Eingang verteilt und war im Stil der Fahndungsplakate jener Zeit aufgemacht. Neben den berühmtesten RAF Kämpfern waren alle Extrabreiten und ihre Sympathisanten darauf zu sehen. Ein Produkt des „Studios der Realisation.“

WIR SIND EXTRABREIT- stand da.
Was das wohl sollte?

Die Leuchterschlange schlief noch. Sie wartete. Wie wir. Auf unseren ersten Einsatz!
f.f.

Nächst Woche:
Teil 7
„Dieser Raum steht uns nicht zu – das wissen wir….!“
Die Quarkspeise von Toxe.

Die Mutter aller Karteien

One Response to “06 - Alle Vier und die Leuchterschlange !”

  1. Kork meint:

    > Niemals sagten wir Lichterschlange oder Lichterkette oder Leuchtschlange. > Es war die „Leuchterschlange.“

    Heute würde man profan von “Lichtschlauch” sprechen. Bei Lidl für 4.99 EUR, gleich neben den Sonnenstühlen und der 250GB USB-Wechselfestplatte…

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