27 - Die Zukunft liegt im Dunkel

April 17th, 2007 by webregierung

DWDZ

Das Unternehmen kam in Schwung. Wir machten noch Fotos und eine groß angelegte Pressekonferenz. Dann stand auch schon der erste Auftritt vor der Tür.
Eine Riesenarena in München. Der Edmund Stoiber Dome war komplett ausverkauft und wir saßen in der Garderobe.

„Noch 10 Minuten!“ rief Rolfs ehemalige Sekretärin durch den Türspalt. Sie hatte sich in die neue Situation problemlos eingefügt und leistete gute Arbeit für ihren neuen Herren, den Regierungspatron. Wir begannen mit dem üblichen Ritual und machten uns bühnenfertig. Dann öffneten wir die Tür um über endlose Gänge und Flure zur Bühne zu gelangen.

„Hier ist jetzt Endstation für euch Mumien!“

Etwa 10 Mann, angetan mit schwarzen Overalls und Baseballschlägern bewaffnet, standen direkt vor unserer Garderobe. Ich sah das Ärmelabzeichen mit der durchgestrichenen Greisensilhouette und wusste das auf dem Rücken „Sterbehilfe statt Rente“ stand. Diese Jungs gingen nicht mit dem Trend, sie wollten sich vor allen Dingen ihren Spielplatz nicht wegnehmen lassen.

Lars wollte auf seine eigene Weise moderieren, aber das kam weniger gut an und er fing sich eine schallende Ohrfeige ein. Wir anderen guckten uns tief in die Augen und fixierten den Jugendmob.

„Ach ja, Mumien?“ schnaubte Rolf verächtlich und wie beim Gunfight am OK Corall griffen wir gleichzeitig zu unseren medizinischen Atemmasken und rissen das Ventil der Gasflasche auf. 3-4 Züge Vollgas brachten uns gentechnisch auf den Stand eines 20jährigen mit 5 Gramm Speed im Blut. Mit allem was wir in den Händen hatten hackten wir auf die Bande los und wurden ihrer schnell Herr. Was von den verdutzten Typen noch laufen konnte, entfernte sich blitzartig. Auf dem Boden lagen ein paar blutverschmierte Gestalten über die wir wegstiegen und uns auf den Weg zur Bühne machten. Natürlich waren unsere Gitarren bei dem Angriff der Jugend zu Bruch gegangen, aber wir hatten ja genug, unser Herz hing schon lange nicht mehr an materiellen Dingen die durch andere ersetzt werden können.

Der Auftritt war eine Sensation und die Medienwelt überschlug sich. Wir tourten dann in Europa und Nordamerika und fanden heraus das die Bundesregierung uns praktisch als Werbeträger für das Botoxgas benutzte das sie jetzt tonnenweise exportierte.
Es war uns aber egal. Geld bekamen wir keins und nach den Tourblöcken wurden wir in die Altenkünstlerkolonie geschafft.
Bubi und ich in die Abteilung „Git. Elek.“, Rolf zu „Schlagwerker“ und Kai hatte sein zuhause bei „Vox-deutsch“. Lars war noch nicht alt genug und musste für die Agentur repräsentative Maßnamen regeln.

So vergingen 1-2 Jahre und es war Anfang Herbst, als wir von einer ausgedehnten Asientournee zurückflogen. Ich saß am Fenster und guckte auf eine unwirkliche Szene aus tiefblauer Hoffnungslosigkeit und schwefelgelber Verzweiflung.

Es hatte angefangen keinen Spaß mehr zu machen. Wir waren mechanisiert und die Fehlerquote lag bei nahezu Null. Unsere Musik war durch die totale Perfektion gestorben. Sie hatte den Weg gewählt, der eigentlich uns bestimmt war. Wir hatten seit der „Begasung“ weder geraucht noch Alkohol getrunken und befanden uns auch ohne den Brune-Hammer in einer akzeptablen Verfassung.

Nur das Gemüt machte nicht mehr mit. Wenn man hundertmal oder mehr,“ Tisch“ hintereinander sagt, verliert das Wort jegliche Bedeutung. Wir hatten aber die Titel unseres Programms mehr als ein paar tausendmal gespielt und fühlten nun nichts mehr dabei. Neue Stücke durften wir nicht machen, weil die Inhalte sonst zu sehr aus der „Altensicht“ gewesen wären. Zu „Gefühlsduselig“.

Wir waren in der Künstlerkolonie angekommen und würden uns nun 3 Monate hier aufhalten. Bubi und ich mussten nach den Tourneen die teuren Prothesen beim Regierungsjochen abgeben und bekamen sie erst wieder ausgehändigt wenn Aufgaben musikalischer Natur anstanden.

Somit war Bubi ein alter amputierter und ich ein alter neunfingeriger Gitarrist. Tolles Schnitzel, so was hatten wir uns ja immer gewünscht! Großzügigerweise hatte die Regierung Bubi einen Rollstuhl zur Verfügung gestellt, in dem ich ihn immer nach dem Mittagsschläfchen durch das Gelände der ehemaligen Russenkaserne schob. Um uns den Aufenthalt angenehm zu machen war das Gelände in eine Parkähnliche Landschaft verändert worden und wir rollten jeden Nachmittag den gleichen kleinen Weg am Zaun entlang. Nach dem Zaun kam eine stillgelegte Braunkohlegrube die etwa 100 Meter in die Tiefe ging. Wie eine Steilküste. Das Herbstlaub schwebte durch die Luft und es waren nur noch wenige Tage die das Jackenwetter vom Handschuhwetter trennten. Wir hatten einfach genug. Genug von der kaputten Welt, die Typen wie wir sowieso nicht verändern können, genug von den Menschen, mit ihrer ewigen Gier nach Fortschritt und Erneuerung! Genug von uns selber und unserer künstlichen Existenz.

Aus JapanIch hatte mir bei unserem letzten Gig in Japan ein 6Pack Bier in mein Gepäck geschmuggelt und es war nicht entdeckt worden. Das hatte ich jetzt auf unserem Spaziergang dabei. An der kleinen Bank angekommen, die direkt am Zaun zur „Steilküste“ stand, sagte ich zu Bubi:

„Ich kann nicht mehr und ich will auch nicht mehr, alles was ich je am Musik machen geliebt habe, ist tot und ich selber bin es auch. Ich will auch nicht mehr an dieses Gas angeschlossen sein. Ich mache Schluss.“

„Mir geht es genau so. Ich habe einfach nicht mehr die Kraft es noch länger auszuhalten ich gehe mit dir.“

Er war wohl der Überzeugung, ich wollte mich in die Tiefe der Braunkohlegrube stürzen.

„Guck mal was ich hier habe.“ sagte ich und zeigte ihm das 6Pack, das ich im Batteriefach seines Rollstuhls versteckt hatte.

„Bier! So willst du es also machen! Tot durch Fernentsorgung ! Genial .“

Ich griff unter meine Jacke, die schon lange nicht mehr aus Leder war und löste die Gasflasche. Mitsamt der Atemmaske und dem Riffelschlauch warf ich sie im hohen Bogen über den Zaun und das Utensil das die letzten 2 Jahre meines Lebens bestimmt hatte, fiel in die Tiefe. Den implantierten, aber stillgelegten Riffelschlauch im Nacken würde ich wohl mit in die Kiste nehmen müssen. Bubi reichte mir seine Apparatur und bat mich sie auch fortzuschmeißen, da er aus dem Rollstuhl nicht soviel Schwung holen könne. Ich hatte auch ein Päckchen Zigaretten aus Japan mitgehen lassen und steckte mir jetzt ein an.

Vorsichtig und mit dem Habitus eines Gourmets, sog ich den Rauch in mein Lunge, dabei öffnete ich das eiskalte Bier und reichte Bubi die erste Dose herüber. Ich selber nahm aus der zweiten Dose eine so tiefen Zug das ich mich beinahe verschluckt hätte. Der so lange vermisste Geschmack von Tabak und Bier breitete sich im Rachenraum wohlig aus und der Alkohol dockte sofort an die entwöhnten Rezeptoren an. Das hatte gefehlt! Die ganze Zeit waren wir nur am Gängelband von Sklavenhaltern vorgeführt worden.

Wer seine Genuss nicht selbst bestimmt, bestimmt gar nichts!

Wir tranken so schnell wir konnten, denn wir wussten ja das wir durch die Chips in unserem Körper den Genuss von Alkohol und Tabak nicht verheimlichen konnten und waren uns auch sicher das die humorlose, fitnessorientierte und stumpfe Behörde uns sofort entsorgt, als plötzlich die Luft anfing zu vibrieren.

Ein fast stürmischer Wind kam auf. Bubi und ich klammerten uns aneinander und schauten in Richtung Abgrund, der ja nur durch den Maschendrahtzaun von uns getrennt war.

Ein tiefes Grollen, wie von 10.000 vollgaslastige Mack Trucks, erfüllte die Luft und mir bleib fast der Atem stehen und ich dachte jetzt wäre ich für immer taub, aber da hörte ich Bubi ohne große Anstrengung sagen:

“Scheiße, was ist das denn? Ist das jetzt die Entsorgung?“

Das UFOEine Fliegende Untertasse mit ungefähr 300 Meter Durchmesser tauchte direkt aus der Tiefe der Baurkohlegrube vor uns auf und blieb etwa 30 Schritt vor uns in der Luft stehen.

Bunte Positionslichter, oder was wir dafür hielten blinkten wie blöde und wir hielten den Atem an.

Jetzt öffnete sich eine Scheunetor große Luke. In der Öffnung standen Hilde und Harald!

„Kommt schon Junges, auf Sirius 21 haben sie ähnlich Probleme mit der immer älter werdenden Bevölkerung. Wir düsen dahin und zeigen ihnen das Alte was leisten! Die wollen Euch! Die wollen Rock!“

Das wird die Zukunft!

Schackalacka, bums die Kuh

ENDE

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P.S.
Als wir an Bord des Raumkreuzers waren, sahen wir natürlich auch unsere Bandkollegen und Prof.Brune wieder. Es ging also wirklich in andere Sphären. Wir hatten gerade Höchstgeschwindigkeit erreicht, da reichte Prof.Brune mir einen Kopfhörer rüber und ich konnte sie mir anhören; die letzte Aufnahme aus dem Rapido Studio.
Ihr auch! Hier! Wo die Freie Musik ihr Zuhause hatte!

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DIE ZUKUNFT LIEGT IM DUNKEL

Oh – Diesen Download habt Ihr leider verpasst

23 Responses to “27 - Die Zukunft liegt im Dunkel”

  1. Walter meint:

    Danke für die tolle Story und viel Erfolg mit Hilde und Harald!

  2. Ex-Hometowner meint:

    Ahoi Stefan – schöne Geschichte hast Du uns da erzählt. Die Zukunft wird mit Sicherheit einige Überraschungen bereit halten. Oder wer hätte vor 10 Jahren gedacht, dass es Musiksender gibt die alles mögliche senden nur keine Musik? – Mit dem wunderbaren Song hast Du ein regelrechtes kleines Showfinale hingelegt (“und jetzt noch mal alle Beteiligten auf die Bühne”) – Beste Grüße
    Peter

  3. Mittelhesse meint:

    Moin Meister,

    darauf ein Bier und einen Schmauch. Krasse Story mit Happy End. Ich hoffe, beim rasen durchs All treffen sich all die guten Kerle wieder und ihr lasst es richtig krachen. Grüße an Keith und Joey.

    Hitti

  4. Rolf aus der Schlagwerkerkolonie meint:

    Lieber Kollege KLEINKRIEG,
    Wunderbare Geschichte habe mich mehr als einmal in diesem
    Zukunftsroman als Akteur gesehen ,
    und sogar noch ein Happy-End.
    Das macht Hoffnung die Zukunft kann kommen !

  5. Hartmut Hebeglied meint:

    Einen sonnigen Tag Herr Kleinkrieg,

    mit grosser Freude habe ich jede Deiner Seiensfiktionen aufgesogen und mich auch artig auf die nächste gefreut.

    Über die ganze Zeit der immer neuen Folgen ist die regelmäßige Lektüre schon zu einem Teil meines Lebens geworden.

    Da Du nun keinen Bock mehr hast, fühle ich mich klein Wenig so wie ein Verlierer beim “Klinik-Roulette”, dem in der Mittagspause von hinten eine Niere gezogen wurde.

    Los Kleinrieg mach weiter.

    Dein
    Hartmut Hebeglied

  6. Reini meint:

    Auch eine ehrliche Verneigung für den neuesten Download.
    Ob der Herr Kleinkrieg nun “Zurück aus der Zukunft” kommt,
    oder ein “Blick in die Zukunft” wirft ist eigentlich egal…
    Mit solchen Songs läßt sich die GEGENWART jedefalls ertragen.

    Also aufdrehen und genießen…
    ...bevor “Heute schon wieder beinah morgen ist”...

    Cheers Reini

  7. St.Kleinkrieg meint:

    Danke Reini,
    das kann man so stehen lassen.
    Grrruß
    St.Kleinkrieg

  8. Sven meint:

    moin stefan,
    bin am 30.04. in der cla, hh – wann spielt ihr denn genau??(muss aus cuxhaven die sch …b 73 fahren)
    die cux-breiten-delegation ist leider krank und somit verhindert.
    gruss sven
    www.theclash.de

  9. St.Kleinkrieg meint:

    Hallo Sven,
    ich kann dir den genauen Auftrittsbeginn nicht mitteilen, da ich ihn selbst nicht weiß.
    Ich schätze mal es wird so ein 1/2 bis 3/4 Std. nach Einlaß sein.
    Wann ist Einlaß?
    Koi Ahnung nich!
    Gute Besserung and die Damen und Herren, der Cuxconektschen und bis zum nächsten mal, wenn es wieder heißt,:
    “Vorhang auf, Bühne frei, für die näxte Schweinerei

  10. Sturzflug69 meint:

    Schlummert da eigentlich noch das ein oder andere Seemannsschmankerl in Euren Schatztruhen?Würde den Frhling etwas angenehmer machen,denn wenn das der Frühling ist,will ich den Sommer nicht haben.

  11. St.Kleinkrieg meint:

    Leider ist die Zigarrenkiste mit den Seemannsweisen versiegt, aber mir ist eine neue alte Kiste in die Hände gefallen aus der “Pseudo Country” steht. Wenn ihr es aushaltet, könnte ich da noch mal etwas unters Volk streuen. Ist allerdings sehr gewagt!
    Mal sehen ob der gute Eroc noch was rausholen kann, aus diesem sehr abenteuerlichen Material. Wenn ich aus der Hansestadt Hamburg zurück in der Hansestadt Breckerfeld bin, werde ich ihn mal anrufen.
    Schönen Tanz in den Mai, ihr Teufelstänzer
    St.Kleinkrieg

  12. Sturzflug69 meint:

    Es soll ja viele Musiker geben,denen es gut getan hätte,wenn sie in ihrer Jugend etwas “mehr” Cash gehört hätten.

  13. Thomas (Prof) Brune meint:

    Wenn ich das so lese, habe ich ja noch eine interessante Zukunft vor mir. ZUr Zeit beschäftige ich mich allerdings mit dem Gegenteil: Ultrakleine Babies in Glaskästen, die ca. 450 gr. wiegen. Hier hat die Zukunft schon längst begonnen.

    Grüsse an die anderen Mumien

    Thomas

  14. St.Kleinkrieg meint:

    Es soll auch Musiker geben denen im Alter Cash gut tun würde. Ich meine ganz besonders alle die ich kenne. Auch bei denen das Gehör gelitten hat; Cash erleichtert vieles!
    Wie mein Großvater schon immer sagte,: “Bargeld lacht!”

  15. St.Kleinkrieg meint:

    Hallo Prof.,
    schön, schön!
    Dann gehts dir also gut. Das freut mich doch sehr.
    Wir müssen unser Treffen dieses Jahr unbedingt wiederholen, letztes mal hat es ja doch ein bisschen an gutem Wetter gefehlt.
    Ich werde mal mit dem Käpt`n ein paar Termine zur Auswahl aussuchen und dich dann Kontakten.
    Gruß
    St.Kleinkrieg

  16. Volker meint:

    Schönes Stück Musik! Wäre vielleicht auch was für´s neue EB-Album, leicht überarbeitet mit geringfügig mehr Schmackes. Oder so lassen, was für´s Herz brauchen die geneigten Hörer ja auch mal.

  17. Thomas B. meint:

    Das Grillen müssen wir unbedingt wiederholen. Ein Highlight meines letzten Sommers. Grüsse (auch an Horn!)

    Thomas

  18. St.Kleinkrieg meint:

    Dann schick mir mal deine vakanten Termine, guter Mann.
    Ich werde dann dem Käpt´n Kunde tun und schon wird das Fleisch auf dem Grill schwindelig.

  19. Katja meint:

    Hi Stefan Kuck aus Achim. Wir waren mal zusammen in einer Zeit, in der ich noch fast leer war und du hast mich geistig angefüttert und wir hatten Erlebnisse, die auch andere in unseren Bann gezogen haben. Bis ich dann so viel hatte dass ich wusste wie es alleine weiter geht. Ich bereue nichts…ich hoffe du auch nicht??? War eine einzigartige Zeit mit uns…Gehts dir immer noch so gut wie damals? Bis denn …Grüße aus dem verschneiten Bremen… Katja

  20. St.Kleinkrieg meint:

    ?

  21. motorgitarre meint:

    tu nicht so ;-)

  22. nicole und eva meint:

    klassischer fall der edding demenz, große erinnerungslücken aus der vergangenheit- dafür aber den vierteljahrhundert hellseherblick, sehr selten;) dafür großartig zu lesen

  23. St.Kleinkrieg meint:

    Dankeschön.

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