26 - Das Rapido-Studio

April 14th, 2007 by St.Kleinkrieg

DWDZ

Wir rockten wie in unseren allerbesten Tagen und die beiwohnenden Techniker sowie der Regierungsheinz, der Junge mit der Gitarre und was weiß ich wie die Bande von Leuten hieß die sich in dem Studio rumdrückte , waren begeistert.

„Das ist ja der Wahnsinn!“ meinte Lars Larsson. „Ihr rockt ja wie vom Teufel besessen, ganz toll! Alte leisten etwas! Ich habe es gewusst!“

Er war jetzt ganz Beauftragter für die Vergabe von Pensionszimmern in der Altenkünstlerkolonie „Git. Elek.“. Wir nickten verschämt und Rolf fing mit dem Intro des unvermeidlichen „Der Präsident ist Tod“ an. Der moderate Rhythmus ließ die anwesenden Personen mitschunkeln und Kai streckte den Zeigfinger aus und schrie, “Sonntagmorgen…..!“

Alles war wie immer. Die gleiche Nummer wie vor Jahren; ich musste lachen. Wie oft hatten wir uns mit dem Material unserer Jugend schon aus dem Dreck gezogen? Und jetzt hatte es Dimensionen angenommen die den alten Orwell und Jules Verne vor Neid hätten grün werden lassen. Egal, mein Alter und meine Situation ließen keine moralischen Bedenken zu, ich musste diesen Krampf mitmachen wenn ich noch ein bisschen weiterleben wollte. Die Entsorgung sollte zwar ein schmerzloser Prozess sein, aber wer will schon gerne eine orange Pille schlucken und dann ab in den Orkus?

„Meine Herren, ganz toll! Ich bin mir sicher; das wird ein Riesenerfolg! Jetzt würde ich die Session aber gerne abbrechen und Sie ins Bett schicken. Morgen ist auch noch ein Tag!“
ließ der Regierungstrottel verlauten und da wussten wir, das sie die Schraube jetzt langsam anzogen und uns bervormunden würden, wie ein Ochsengespann auf einem Vietnamesischen Reisfeld. Immer mit der Drohung der Entsorgung in der Jackentasche.

Nun gut, wir stellten die Instrumente weg und legten uns brav in unseren Zimmern ins Bett.

Brotolino der alte SpenderMorgen sollten wir endlich unsere Bleibe in der Altenkünstlerkolonie beziehen, also dahin kommen worum es speziell mir und Bubi gegangen war. Ich schloss die Augen und schlief glücklich ein.
Nach einer unruhigen Nacht, Jonas Brotolino erschien mir öfters im Traum und erkundigte sich nach dem Verbleib seiner Bauchspeicheldrüse, frühstückten wir zusammen und bestiegen dann den Nightliner um in die Altenkünstlerkolonie verbracht zu werden.

Vor der Agentur standen Hunderte von Demonstranten, die gegen Klinik Roulett protestierten, aber auch Hunderte von jungen Leuten die sich als Fans der Band bemerkbar machten.

„Ihr habt gestern Nacht so laut gespielt, das sich hier ein paar hundert Leute zusammengefunden hatten und das ist dann wie ein Lauffeuer durch das Land gegangen, das ihr wieder richtig am Netz seid!“ sagte der Busfahrer. „Meine Tochter bittet auch um ein Autogramm!“

Wir grinsten zufrieden und saugten erst mal etwas Gas!

Die Zimmer in der Altenkolonie brachten uns dann wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Hardcore!

„Das Leben ist keine Zuckerwattezentrifuge! Sie sollen sich immer daran erinnern das sie keine Ansprüche auf Entgelt, Tantiemen oder sonstige Vergütungen durch die Einkünfte Ihrer Band haben. Das fließt alles ausnahmslos in die Rentenkassen!“ orakelte der Regierungsprofos und schaute streng über seine Brille „Ihr Reichtum ist nur virtuell!“

Ich war trotzdem glücklich. Ich hatte endlich das kleine Eckzimmer in der heruntergekommenen alten Kaserne, von dem ich auf Amrum immer geträumt hatte. Hallelujah, ich war zuhause angekommen. Es schien warm, aber vor allen Dingen trocken in der Kammer zu sein. Ich würde mir da schon eine Bude draus machen, in der ich die letzten Tage meines Daseins auf diesem Planeten menschenwürdig verbringen konnte.

„Ihre Anlage und Instrumente werden durch die Techniker hierher, in den alten technischen Bereich gebracht und es wird auch eine Aufzeichnungsmöglichkeit geben. Herr Kleinkrieg, damit Sie sich auch richtig heimisch fühlen, heißt das kleine mobile Studio „Rapido-Studio“

Ja, wir wissen was Sie Ihren Einrichtungen für Namen gegeben haben!“ schwadronierte der Regierungspenner so vor sich hin.

Was soll ich sagen, die Arbeit nahm ihren lauf. Jeden Tag Proben und zum ersten mal arbeiteten wir auch an einer Choreographie. Hierbei tat sich Bubi besonders hervor. Durch die Prothesen; die aus dem Weltraummetall, war er in der Lage, aus dem Stand 3-4 Meter hoch zu springen. Er wurde in dieser Disziplin immer besser und wagemutiger. Eine seiner Top-Kapriolen war ein 3-31/2 Meter hoher Sprung bei dem er, wenn er den Scheitelpunkt erreicht hatte, die Beine auseinander spreizte und die Gitarre an ihrem Gurt einmal um den Körper schleuderte. Das sah absolut fantastisch aus und wir hielten jedes Mal den Atem an, wenn er wie ein Zebulon durch den Luftraum des Probenstudios zischte.

Aus einer seiner Prothesen, ich weiß nicht mehr aus welcher, wurde ihm ein 6 Zentimeter langes und 2 Zentimeter dickes Stückchen herausgeschnitten. Aus diesem Teil formten die Techniker mir dann einen neuen Zeigefingerknochen für die rechte Hand. Professor Brune, der außer der Herstellung von massenhaft Botoxgas, nichts zu tun hatte, implantierte und modellierte mir dann den Eratzfinger und ich konnte Downstrokes spielen, wie kein Mensch vor mir, auf dieser Welt. Der alte, mir von der Schöpfung mit auf den Weg gegebene Knochen, war im reinsten Sinne des Wortes; zermürbt! Millionenfache Anschläge hatten das letzte Gelenk zerschreddert.

Rolf war wieder hochdosiert und hatte mit den mittlerweile mörderischen Tempi von 3-D, Sturzflug und anderen Liedern aus der Rappelabteilung nicht die geringsten Probleme. Kai`s Stimme hatte der Zwangsentzug in Magdeburg 7 hörbar gut getan, aber auch das verjüngende Botoxgas ließ ihn wieder in stimmliche Höhen kommen, die er nach der 3ten LP eigentlich verlassen hatte.
Kurz gesagt; wir waren ein Deutschrockmonster geworden ! Unschlagbar!!

So nach einer Woche, es war spät in der Nacht und wir hatten den ganzen Tag geprobt, klimperte ich verträumt auf der Gitarre herum. Kai war schon zu Bett gegangen und die anderen hingen noch so im Rapido-Studio rum. Wie es dann immer so ist, erst steigt einer und dann der andere in ein Stück ein und am Ende wird es dann ein Lied.

Beeinflusst von den Geschehnissen der jüngsten Vergangenheit, fiel mir ein Text ein, den ich in einer anderen Zeit; mein Gott, schätzungsweise vor zwanzig Jahren, geschrieben hatte und der jetzt wie eine Prophezeiung anmutete. Ich bat den Techniker das Aufnahmegerät zustarten.

„Die Zukunft liegt im Dunkel“ war orakelhaft.

Es sollte unser letzter Abend in dem Rapido-Studio sein.

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