22 - Nachts im Nightliner

März 31st, 2007 by St.Kleinkrieg

DWDZ

Da war es ja wieder; das vertraute Brummen und das leichte Schaukeln das ich so lange vermisst hatte. Jeder der das einmal in seinem Leben mitgemacht hat und nicht ein schwarzherziger Teufel ist, wird meine Sentimentalität verstehen. Es gibt nichts was mit der Reise einer Band, Nachts im Nightliner, zu vergleichen ist. Das beruhigende Brummen des Diesels das Schaukeln der Zeitkapsel, in der man sich von einem Ort zum andern bewegt, um dann genau dasselbe zu wiederholen, was man einen Abend vorher schon getan hat. Einen Abend? Einen Monat? Ein ganzes Leben!

Es war großartig; mir fielen wieder die Worte von Carlo Karges ein, dem längst verstorbenen, bei Nena zu Weltruhm gelangten Gitarristen, der auch bei den Breiten seine Spuren hinterließ.
„Wenn man mit einer Band auf Tour ist, interessiert einen das Kleingedruckte nicht mehr. Das ist dann nur noch für Tintenpisser!“ Recht hatte er!

Sie hatten alle keine Ahnung! Plattenverkäufe, Chartnotierungen, Musikverleger, Manager, Rechtsanwälte, Produzenten, alles das war zu vernachlässigen, der wahre Jochen war das Tourgeschäft. Das war der Grund, warum man überhaupt eine Band gründet!

Wir waren zwar noch nicht auf Tour, aber die Besetzung war , wenn auch etwas klapperig und mit High-Tech Drogen zusammengeklebt, wieder an Bord.
Schade das sie Carlo nicht in dem Programm hatten, ich hätte gerne mit ihm noch einmal geplaudert. Bei diesem Gedanken fielen mir die beiden „Berater“, Juhnke und Kneff ein.
Die beiden saßen schweigend nebeneinander und kuckten ins Nichts.
Na ja, da hatte das Botoxgas auch ganz schön was zu tun um die am laufen zu halten, die waren doch mindestens …. wenn nicht noch mehr Jahre alt.

Ich spielte gedankenverloren mit meiner Botoxgasflasche rum und drehte ein bisschen an dem Verschluss. Mit einem ziemlichen Zischen kriegte ich einen Flash, das ich dachte mir würde die Schädeldecke abgesprengt und mein Hirn würde als Heliumgefüllter Ballon über allem schweben und seine Eindrücke zu meinem Körper als Basisstation runterfunken. Irre!!

Dazu kam noch ein anderes, längst vergessenes Gefühl.
Es war wie eine Fahrt auf einem Motorrad in einer heißen Sommernacht. Du hast die Taschen voller Geld und die Stadt fliegt golden glitzernd an dir vorbei Alles was du anfasst wird zu Gold und du bist unwiderstehlich! Es fühlte sich an wie, es fühlt sich an wie….; Jugend!
Ja das war es! Ganz eindeutig! Es war wie ein bekannter, lange vermisster Geschmack und ich hatte im Laufe der Jahre vergessen wie es sich anfühlte. Ich schaute zu Rolf, der mir tief in die Augen sah und deutlich nach Luft schnappte und nach Atem rang.

„Ja, Ja, das ist der „Flaschengeist“ der alles wert ist! So fing es bei mir auch an. Nur mal kurz aufdrehen und dann wieder vernünftig sein. Denkste Puppe! Da wird dann eine Rechnung aufgemacht, bei der man nur Verluste nachweisen kann!“

Er wandte seinen Kopf ab und ich war mir sicher, Tränen in seinen Augen gesehen zu haben.

Ich war wie benommen. Ich hatte eine einzige Sekunde den Kick der Jugend gespürt und war wie besessen davon. Das war ja keine Droge, Drogen waren ein Schiß gegen dieses wahnsinnige Gefühl, es mit allem aufnehmen zu können. Gut, dachte ich mir, dein Leben ist doch sowieso vorbei. Von Zugaben kann doch hier nur gesprochen werden. Mit diesem Zombie Zoo und dieser Planwirtschaft, von bundesrepublikanischen Kalkül hast du doch nicht das geringste gemein. Ich sehe jetzt zu, daß ich die letzten Zuckungen auf diesem Planeten so komfortabel wie möglich überstehe. Ich schaute aus dem Fenster und die Nacht raste an mir vorbei. Bubi schlief neben mir und sein Kopf schaukelte im Takt der Strasse. Meine Gedanken überschlugen sich und ich verfiel in die alte Angewohnheit mir Situationen vorzustellen und auch mögliche Schwierigkeiten einzubauen.

Aber es gelang mir nicht mich von dem gerade Erlebten zu lösen. So etwas hatte ich noch nie gespürt und ich griff wieder zu dem Rad an der Botoxgasflasch und drehte sehr vorsichtig daran.

Zizizizschschsch; Wunderbar!

Fortsetzung folgt

Gib Deinen Senf dazu

You must be logged in to post a comment.


stats7598