06 - Stumpen-Bubi (mitleiderregend)

Februar 6th, 2007 by St.Kleinkrieg

„Ja, ich bin`s, oder besser das was von mir übrig ist.“

Die ganze Aufregung und der Transport, auch wenn es nicht so lange dauerte, hatten mich doch ein wenig von der Rolle gebracht. Ich war schließlich 71 Jahre alt und seit 1978 im Geschäft. Geschäft! Ja, mein Gott, was war das für ein Geschäft gewesen! Wenn man sich ansah, was aus der guten alten Rockerei geworden war, wollte man nur noch speien.

Natürlich gab es auch zu unseren Hochzeiten den von uns so verdammten Patientenrock. Grausame Oberschüler die sich mit „Innovation“ und „Sofistikatit“ rausredeten, weil sie nicht Rocken konnten. Sie hatten aber immer bessere Karten als wir, weil ihre Oberschülerfreunde direkt von der Schülerzeitung in die Redaktionsstuben der Musikzeitschriften wechselten. Dort quälten sie sich und ihre Mitmenschen mit unverdaulichem Zeug und wenn nur der Verdacht von Spaß und leichtem Leben aufkam, war es sofort uninspiriert und prollig.

Gott schütze sie, sie waren echt drollig. Mit diesen roten, fiesen von Tintenflecken überzogenen Geha-füllerabdrücken verunzierten Zeigefingern und dem sie ständig begleitenden Geruch von Kopierflüssigkeit aus den Vervielfältigungsgeräten ihrer Schulen. Meist redeten sie über Frauen die sie niemals bekommen würden und wussten alles, ALLES besser als unsereiner. Heute, im Zeitalter der Wichser, kann man sie natürlich nicht mehr an solchen Stigmata erkennen. Sie erfanden den Laptop, um sich zu tarnen.

Sie waren es auch, die ihre Freunde, die Jura studierten, darauf aufmerksam machten, daß im Rock& Roll gut und leicht Geld zu verdienen sei. Wo so etwas hinführt, sieht man ja im Sport. Funktionäre und Wichser, wohin man schaut.

Ich schweife ab, aber manchmal geht es mit mir durch, zurück in den Auffangraum.

Ich kannte diese Stimme und versuchte, meine Augen hatten sich noch nicht an das halbdunkel gewöhnt, in die Richtung zu kommen aus der ich sie vermutete. Ich sah die Umrisse eines Krankenhausbettes, mit den typischen Aufbauten für die Hantel, an der sich der Patient in eine aufrechte Lage ziehen konnte und dem Stativ für den Tropf.

Das Bett war belegt, der Mensch der darin lag hatte eine Hand an der Hantel und versuchte sich in eine aufrechte Sitzposition zu bringen.

„ Hier bin ich, Stefan, hier!“

Bubi - The NoiseEs war Bubi, der Flitzefinger aus Hohenlimburg, mein Gitarrenpartner in den letzten Jahren beim guten alten Mutterschiff „Extrabreit“. Diese Stimme gab es im gesamten Universum nur einmal.

Er sah echt mitgenommen aus. Schweißperlen standen ihm auf Stirn und Wangen, nein anders, der Schweiß lief ihm in Strömen vom Gesicht das Kalkweiß und mit roten Flecken überzogen war.

„Mensch Bubi, was machst du denn hier und wie bist du hierher gelangt?“

„Ach Stefan, ich bin ja so froh dich zu sehen, bei mir steht es gesundheitlich nicht gerade zum Besten. Ich bin froh das ich das Bewusstsein wiedererlangt habe. Wie ich hierher komme? Tja, ich sollte entsorgt werden, weil ich keine Bleibe mehr hatte. Da habe ich mich an das Komitee für die Vergabe von Pensionszimmern für:

„Ehemalige Gaukler/Komödianten/Kapellenmusiker“

gewandt, wo ich unseren alten Basser Lars Larsson wiedertraf. Ich dachte schon ich wäre gerettet, aber dann hat er mich für eine Prämie, die seinem Lebensvermögen angerechnet wird, an diese Show verschachert.“

Er musste abbrechen, denn ein Schwächeanfall zwang ihn in die Kissen zurück.

„Langsam, Bubi, langsam.“ Ich nahm das Handtuch das am Kopfende des Bettes hing und tupfte ihm den Schweiß vom Gesicht.
„Ja und dann habe ich gespielt, in dieser grausamen Show. Du weißt doch noch das ich immer Probleme mit dem Magen hatte. Sodbrennen und so. Tja, wie das so ist, ich hatte kurzfristig Glück. Ich habe einen neuen Magen und eine Speiseröhre gewonnen. Mir ging es blendend“

„Ja und dann?“ fragte ich erschüttert.

„Ja, ich konnte nicht genug bekommen und spielte weiter.“

„Was ist passiert?“ hakte ich jetzt ungeduldig nach.

„Ich habe in der Runde „Extremitäten“ gespielt und verloren!“

Bubi hauchte jetzt nur noch, dann schlug er die Bettdecke weg und ich sah die frisch operierten, vereiterten Stümpfe seiner beiden Beine.

Fortsetzung folgt

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